Warum die Saga historisch unzuverlässig sein soll
In diesem Abschnitt werden einige der Argumente der deutschen Philologen
(Germanisten, Literaturhistoriker, Skandinavisten) zusammengefasst, warum die
Thidrekssaga als Geschichtsquelle angeblich nicht taugt.
- Der wichtigste Grund scheint in der "Feststellung" des bekannten
Germanisten Hermann Schneider (um 1930) zu liegen: die Thidrekssaga sei um 1260
in der damaligen norwegischen Hauptstadt Bergen von einem norwegischen
"Sagamann" in seine Muttersprache übersetzt und zu einem großen
"Sammelroman" geformt worden. Er habe dabei (mittelhochdeutsche)
Schriftwerke, nämlich die oben erwähnten "Heldenepen", darunter das
Nibelungenlied, sowie allerlei mündliche Überlieferungen benutzt. An der von
Schneider formulierten Überzeugung halten seitdem praktisch alle schul -
wissenschaftlichen Werke fest, die die Thidrekssaga erwähnen.
- Hinzu kommt ein weiterer, ganz schwer wiegender Grund des Misstrauens der
Fachwelt gegenüber der Thidrekssaga. Offenbar seit rund einem Jahrtausend hält
man die Hauptfigur der "deutschen Heldensage", den König Dietrich von
Bern, für eine "sagenhafte" Umformung Theoderichs des Großen, des
realen historischen Königs der Ostgoten (damals in Italien). Er war neben dem
Franken Chlodwig der bedeutendste germanische König an der Wende des 5. zum 6.
Jahrhundert. In jedem Lexikon und Nachschlagewerk noch aus jüngster Zeit kann
man diese Gleichsetzung Theoderich = Dietrich von Bern finden.
- Dieser Gotenkönig Theoderich (alias Dietrich von Bern) war noch dazu nach
der Erzählung der T h i d r e k s s a g a ein enger Freund des Hunnenkönigs
Attila - obwohl doch, wie man weiß, der letztere schon tot war, als der Gote
Theoderich geboren wurde.
- Und schließlich musste doch die Thidrekssaga ein reines Phantasieprodukt
sein, weil keiner der vielen genannten Orte zu einer geographischen Realität
passte. Da wird z. B. ein Ort "Salerna" in der Landschaft "Appollii"
genannt, und ganz in der Nähe lag "Hesbanien". Die Übersetzer ins
Deutsche machten daraus "Salerno", "Apulien" und
"Spanien", und die Ausleger der Saga glaubten ihnen. Die italienische
Stadt Salerno liegt nun einmal nicht im italienischen Apulien, und von einer
Nachbarschaft zu Spanien kann erst recht keine Rede sein. Oder die Helden ritten
in kurzer Zeit von "Rom" (natürlich in Italien) über
"Bern" (mit Verona in Norditalien gleichgesetzt) nach "Susat"
(= Soest in Westfalen); in der realen Geschichte wahrlich nicht glaubhaft.
Also: Die Thidrekssaga eine Geschichtsquelle ? Niemals, sagen die deutschen
Germanistik-Professoren und Literaturhistoriker.
Gegenbeweise
Dieser Abschnitt zählt einige B e i s p i e l e aus der Fülle der
Gegenargumente aus der Forschung zur Thidrekssaga in den letzten Jahrzehnten auf
(siehe dazu den nächsten Absschnitt).
- Sie widerlegen plausibel die seit Jahrzehnten vorgefassten Meinungen der germanistischen Wissenschaft;
- sie lassen zugleich erkennen, dass in dem vielgeschmähten Text der Thidrekssaga
doch ein Kern stecken dürfte, der offenbar viele historische Einzelheiten aus
der Entstehungszeit der "Saga" getreu überliefert.
- Die Entstehung des ältesten Manuskripts der Thidrekssaga (der so
genannten "Membrane" = Handschrift auf Pergament) aus der Mitte des
13. Jahrhunderts ist nach genauen, inzwischen vorgenommenen, Untersuchungen der
verschiedenen darin vorkommenden Handschriften und Kapitelfolgen unvergleichlich
viel komplizierter und führt auch in viel frühere Zeiten, als Hermann
Schneider angenommen hat.
- Die Gleichsetzung "Dietrich von Bern = Gotenkönig Theoderich"
ist wegen der Namensähnlichkeit zwar uralt, aber trotzdem falsch. Das gut
bekannte Leben des historischen Gotenkönigs passt in keinem einzigen Zug zu dem
in der Thidrekssaga ausführlich beschriebenen Leben Dietrichs von Bern.
Theoderich hat weder im italienischen Rom noch in der oberitalienischen Stadt
Verona residiert, sondern in Ravenna. Dietrich war König von "Bern"
(nicht von "Verona") und später von "Rom".
- Der in der Thidrekssaga oft genannte "König Attala der Hunen"
war nicht identisch mit dem berühmten Hunnenkönig, der die Schlacht auf den
Katalaunischen Feldern verlor, sondern ein viel später lebender König eines
Germanenvolkes der H u n e n in Westfalen; dieses Volk ist historisch
nachweisbar.
- Die Stadt Bonn am Rhein hat sich im Mittelalter Jahrhunderte lang auf
Lateinisch "Verona" und auf Niederdeutsch "Berne" genannt;
dies ist durch zahlreiche Dokumente beweisbar.
- Die Stadt Trier an der Mosel (Sitz der weströmischen Kaiser von etwa 300
- 395 n. Chr.) wurde nachweislich wegen ihrer zahlreichen Prachtbauten
"zweites Rom" genannt; Germanen sahen in ihr sicher noch die
Hauptstadt des Reiches, auch als der Kaiserhof längst abgezogen war. Von d i e s e m "Rom" erzählt die Thidrekssaga, nicht vom italienischen Rom.
Dort in Trier soll erst ein Onkel Dietrichs von Bern, später Dietrich selbst
geherrscht haben. Historisch ist das ohne weiteres möglich.
- Der sehr häufig genannte Ort Susat, Sitz des Hunenkönigs Attala, wird
selbst von der Mehrzahl der germanistischen Arbeiten der letzten 150 Jahre über
die Thidrekssaga für die westfälische Stadt Soest gehalten.
- Die in der so genannten "Wilzinensage", einem wichtigen Teil der
Thidrekssaga, beschriebenen Königreiche der Wilzen, Rus/Rytzen und Palernen
lassen sich als historisch nachweisbare germanische Kriegergruppen der Warnen,
Heruler und Thüringer am Niederrhein und der Rhein-Maas-Mündung in den
heutigen Niederlanden identifizieren. Sie standen bis etwa 450 in römischem
Sold, wurden danach aber "unabhängige" Kleinkönigreiche.
- Nach den neuen sorgfältigen Untersuchungen über die Zuordnung der
geographischen Namen in der Thidrekssaga beziehen sich ihre Erzählungen auf ein
recht kleines Gebiet zwischen Trier ("Rom"), Bonn ("Bern"),
Soest ("Susat"), dem Harz und den Niederlanden. Dann aber wirken die Berichte
plötzlich nicht mehr wie märchenhafte "Sagen" , sondern wie eine
plausible historische Überlieferung.
- In den als Kern erkennbaren Teilen der Thidrekssaga werden an zahlreichen
Stellen, meist aber sehr unauffällig, kulturelle Eigenarten der Germanen zur
Völkerwanderungszeit und v o r ihrer Berührung mit dem Christentum
überliefert; hochmittelalterlichen Sängern, Dichtern oder
"Sagamännern" konnten solche Details nicht mehr bekannt gewesen sein.