Eine umfangreiche Handschrift aus dem Mittelalter, den Fachleuten lange bekannt, aber meist verkannt.
Vermutlich ist er eine Quelle für historische Ereignisse in der Völkerwanderungszeit und darüber im nördlichen Mitteleuropa (5./8. Jahrh. n. Chr.). Und er ist eine Quelle aus g e r m a n i s c h e r , nicht aus römischer Hand.
Die Geschichten von Dietrich von Bern, von Siegfried, dem "Drachentöter", von Kriemhild und Hagen und von manchen anderen "Recken" . Sie kommen in den "Deutschen Heldensagen" vor, die viele Deutsche, vor allem Ältere, noch in ihrer Jugend gelesen haben.
Man kennt diese Namen auch aus dem Nibelungenlied (13. Jahrh.) und anderen "Heldenepen" aus der gleichen Zeit. Alle diese Texte hatten wohl mit der Zeit der "alten Germanen" zu tun. Sie waren faszinierend und spannend, aber auch unwirklich und märchenhaft, eben "Sagen".
Doch es ist schon höchst bemerkenswert: es gibt keinen anderen literarischen Stoff in deutscher Sprache, der sich über so viele Jahrhunderte im Volksbewusstsein lebendig erhalten hat !
Vergleichbar ist nur der Stoff von König Artus, der aber bei den keltischen Ureinwohnern Britanniens seine Heimat hatte. Dieser Stoff stammt vielleicht aus ähnlich früher Zeit wie die "Deutschen Heldensagen". Er ist bis jetzt im englischsprachigen Raum - und nicht nur dort - außerordentlich populär, viel mehr, als heutzutage bei uns die Geschichten von Siegfried und Kriemhild.
Bei den Sagen um König Artus glauben viele, dass ein historischer Kern dahinter steckt, dass wenigstens ein kleiner Teil einmal reale Geschichte war.

Auf der Suche nach einem solchen historischen Kern sind das Nibelungenlied und zahlreiche andere "Romane" in mittelhochdeutscher Sprache, die sogenannten "Heldenepen", in den letzten 200 Jahren um- und umgewendet worden. Doch diese langen gereimten Schilderungen von Heldentaten im Kampf gegen Drachen, Riesen und Zwerge, die eine immer phantastischer und abenteuerlicher als die andere, sie sind nur noch aus "alten Maeren" (Berichten) gewachsene Erzeugnisse blühender Phantasie.
Mit realer (Völker-) Geschichte haben sie kaum noch etwas zu tun. Darüber sind sich Literaturwissenschaftler und Historiker ziemlich einig. Sie sind kunstvolle Zeugnisse früher Dichter in unserem deutschen Volk und d a h e r Gegenstand des Interesses heutiger Wissenschaftler.
Nur die am Fremdenverkehr interessierten Stellen, etwa die Stadt Worms (nach dem Nibelungenlied die Heimat der Burgunder = Nibelungen), Orte im Odenwald und entlang des angeblichen Weges der Nibelungen in ihren Untergang längs der Donau in Österreich bis nach Ungarn denken anders. Sie vermarkten das Nibelungenlied als Reiseführer und erklären - beispielsweise - fünf verschiedene Quellen im Odenwald zum "originalen Todesort Siegfrieds".
Am unverfälschtesten und am vollständigsten scheint die so genannte Thidrekssaga das Andenken an die germanischen Helden der Völkerwanderungszeit zu bewahren. In nüchterner Prosa und sorgfältig zeitlich geordnet wie in einer Geschichtschronik erzählt sie a l l e die Ereignisse, aus denen sich das Nibelungenlied und die anderen Heldenepen T e i l e ausgewählt und mit viel Phantasie neu gestaltet haben. In der Thidrekssaga findet man noch am wenigsten "sagenhafte" Züge wie Kämpfe mit Drachen oder zauberkundigen Zwergen.
Ünglücklicherweise kennt man die Originalmanuskripte der Thidrekssaga aus dem Mittelalter nur in altnorwegischer, nicht in deutscher Sprache. Doch geht es darin ganz offensichtlich um Ereignisse, die im frühmittelalterlichen Mitteleuropa spielen, nicht im skandinavischen Norden. Die älteste Handschrift des umfangreichen Bandes soll von etwa 1260 stammen. Eine erheblich kürzere Fassung in altschwedischer Sprache, die "Didriks-Chronik", erzählt bis auf kleine Abweichungen dasselbe; Niederschrift dieses Manuskripts im frühen 15. Jahrhundert.

Allerdings fassen die Professoren für deutsche Literaturgeschichte und auch die für skandinavische Sprachen an den Universitäten diese Texte nur mit äusserster Zurückhaltung an. Historiker haben sich offensichtlich noch nie damit näher beschäftigt. Denn hier scheint noch viel weniger mit eventuell echter Geschichte aus den Zeiten übereinzustimmen, von denen die "Saga" angeblich erzählt, als bei den erwähnten Heldenepen.